Art Of Noise
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Biografie
The Art of Noise schachtelten simple Akkordfolgen in exzentrischer Synthesizer-Klangfärbung und manirierter Montage zu höchst amüsanten Soundgebilden zusammen, frei nach einem Manifest des futuristischen Komponisten Luigi Russolo ("Die Kunst der Geräusche", 1913): "Wir finden viel mehr Befriedigung in der Geräuschkombination von Straßenbahnen, Auspufflärm und lauten Menschenmassen als, beispielsweise, im Einüben der Eroica oder Pastorale." Anregung fanden Anne Dudley (kb), geboren am 7. Mai 1956 in London, Jonathan "J. J." Jeczalik (kb, computer), geb. am 11. Mai 1955, Gary Langan (arr, prod) auch bei dem Russen Wladimir Majakowski, der 1922 in der Stadt Baku eine "Volkssymphonie" mit heulenden Sirenen, tutenden Schiffshörnern, Maschinengewehrsalven, schwerer Artillerie und einem Chor der Tausend inszeniert hatte.
Die von Kraftwerk in diesem Geist verklärte Romantik des Industriezeitalters war auch bei The Art of Noise Programm. In snobistischem Übermut skizzierte sich das Trio als "semiindustriell", wollte "überall einsetzbar, verfügbar sein wie ein Stück Möbel oder wie ein Stift, mit dem man auf den verschiedensten Flächen schreiben kann". Seit ihren in gehobenen Discos goutierten Hits von 1983 ( Beatbox, Close To The Edit) warfen sie ein neumodisches "Licht auf alte Erinnerungen" ("New Musical Express") an klassische Motown-Rhythmen, Kitschmusik alter Fernsehfilme, frühe Mod-Rebellen-Songs der Who, naive Eurodisco-Basteleien aus München. Ganz im Designersound inszenierten sie 1986 ein Remake des Duane Eddy-Hits Peter Gunn, bei dem der Gitarrenveteran mitwirken durfte, bedienten sich des populären synthetischen TV-Talkshow-Gastgebers Max Headroom ( Paranoimia), lieferten 1987 eine flotte Hommage an das alte "Stahlnetz"-Krimithema und ließen ein Jahr später den walisischen Popveteranen Tom Jones mit einer schwitzigen Version des Prince-Klassikers Kiss agieren.
"Spex" warnte jedoch vor der Unverbindlichkeit in den Produkten der Art of Noise, die "ein bisschen mit der Idee des Futurismus herumspielen, ohne sich über dessen Konsequenzen, nämlich den direkten Weg zum italienischen Faschismus, graue Haare wachsen zu lassen". Auch "Stereo Review" war nicht wohl beim stampfenden Tanz der Maschinen: "Philosophisch gesehen ist es der Tod der Musik." Dennoch fand das Blatt die Klangtüfteleien "unwiderstehlich". Der Grund: Sie seien so "oberflächlich und billig wie halluzinogene Drogen und auch so effektiv".
Ohnehin immer nur eine lose Formation, löste sich das Trio 1990 auf. Dudley, Jeczalik und Langan waren seitdem mehr und mehr in die Rolle von Spezialisten gewachsen, orchestrale Arrangements mit authentischen Instrumenten oder mit Synthesizer- und Sampler-Surrogaten auszutüfteln oder gewöhnlichen Produktionen mit bizarren, jedenfalls ungewohnten Beigaben auf die Beine zu helfen. Lang ist daher die Liste der Musiker, denen das Trio – einzeln oder gemeinsam – half: k. d. lang, Phil Collins, Boy George, Paul McCartney, Pet Shop Boys, Godley & Creme, Spandau Ballet, ABC, Public Image Ltd., Annie Lennox, Tom Jones, Rush, Moody Blues, Billy Idol, a-ha, etc. Seit 1990 produzierten sie sich auch selbst: Sie polierten ihre alten Aufnahmen mit zeitgemäßen Dreingaben auf und veröffentlichten die "neuen alten" Songs von Zeit zu Zeit.
Vor allem das Multitalent Anne Dudley – sie spielte sämtliche Tasteninstrumente, arrangierte, produzierte und leitete Orchester – nahm mittlerweile Aufgaben wahr, die sie auf eine Stufe mit Produzenten/Musikern wie George Martin oder Michael Kamen stellten. Gelegentlich produzierte sie Eigenes, so 1994 die LP Ancient & Modern. Modern war daran fast nichts. Anne Dudley stand mit ihren Orchesterstücken und Chorälen in der Tradition britischer Komponisten der E-Musik bis hin zu Michael Nyman: klangschön und etwas langweilig. Für ihren Soundtrack zum englischen Film "The Full Monty" ("Ganz oder gar nicht", 1997) von Peter Cattaneo wurde sie in Hollywood mit einem Oscar prämiert. 1998 brachten China Records das definitive Box-Set State Of Art mit drei CDs heraus, zugleich trat Lol Creme (g) der Gruppe bei.
Um ihren Stellenwert in der Musik des 20. Jahrhunderts zu bekräftigen, bedürfe es noch einmal eines Paukenschlags, befanden Dudley, Morley und Horn. Sie vollführten ihn ein Jahrzehnt nach dem letzten Art of Noise-Album Below The Waste (1989) mit einer dem Millennium angemessenen Hommage: The Seduction Of Claude Debussy (1999). Dann gingen sie wieder auseinander. Das Label ZTT fuhr fort, remixtes LP- und Archivmaterial der Gruppe zu veröffentlichen. Die 4-CD-Box mit 49 Tracks aus den Jahren 1983 bis 1985 wartete mit einem originellen Titel auf: And What Have You Done With My Body, God? (2006).
(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,
Copyright © 1973, 1975, 1990, 1998, 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Historische Diskografie
LPs:
Into The Battle With Art Of Noise (1983, Mini-LP)
Who’s Afraid Of (1984)
In Visible Silence (1986)
In No Sense? Nonsense! (1988)
Below The Waste (1989)
The Seduction Of Claude Debussy (1999)
Zusammenstellungen (Auswahl):
Re-Works Of Art Of Noise (1987)
The Ambient Collection (1990)
Reconstructed (2004)
And What Have You Done With My Body, God? (2006 4-CD-Box)
LPs Anne Dudley:
Songs From The Victorious City (1990 mit Jaz Coleman)
Ancient & Modern (1994)

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