Arrested Development
Biografie
Arrested Development , 1988 in Atlanta gegründet, waren die Hippies unter den HipHop-Truppen. Mit dem Kommunen-Image einer Grateful Dead der neunziger Jahre konnten die Mitglieder der Gemeinschaft selbst indes wenig anfangen. Tatsächlich wohnte lediglich Rap-Oberhaupt und Begründer der Band DJ Peech, bürgerlich: Todd Thomas, am 25. Oktober 1968 in Milwaukee, Wisconsin, geboren, auf dem Lande. DJ Peech hatte bereits bei den Disciples of a Lyrical Rebellion (D.L.R.) gerappt, als er 1987 den Rapper Headliner, bürgerlich: Timothy Barnwell, am 26. Juli 1967 in New Jersey geboren, traf und mit ihm eine Gangsta Rap-Gruppe aufbauen wollte.
Die Gewalt-Themen rückten in den Hintergrund, als 1988 weitere Musiker zu dem Duo stießen. Aerle Taree, bürgerlich: Taree Jones, geb. am 10. Januar 1973 in Milwaukee, Montsho Eshe, bürgerlich: Temelca Gaither, geb. am 23. Dezember 1974, Nadirah Shakoor, 1959 geboren, und Rasa Don, bürgerlich: Donald Jones, geb. am 22. November 1968 in New Jersey, sahen ihre Zukunft nicht als Gangsta Rapper, sondern wollten afrikanische Wurzeln in der afroamerikanischen Musik offenlegen und wiederbeleben. Unterstützt wurden sie dabei von dem 1933 geborenen "Spiritual Advisor" Baba Oje.
Mit der konsolidierten Gruppe stellte Speech, wie DJ Peech sich mittlerweile nannte, in einem Haus außerhalb Atlantas das Programm zusammen. Aus diesen ersten Wochen resultierte das Landkommunen-Image der Gruppe. Auftritte in kleinen Clubs folgten, 1992 ein Schallplattenvertrag bei Chrysalis. Die Single Tennessee überraschte mit für HipHop unkonventioneller Instrumentierung (unter anderem kam eine Country Fiddle zum Einsatz) und auf Anhieb erfolgreicher Hitparadenplatzierung: Nummer sechs in den USA. Für den Film "Malcolm X" steuerte das Rap-Kollektiv den Song Revolution bei, eine Mischung aus Reggae, Rhythm & Blues und afrikanischen Gesängen, die vor allem in Großbritannien als Rückseite des Songs Mr. Wendal erfolgreich war.
1993 erschien das Debütalbum 3 Years, 5 Months, 2 Days In The Life Of Arrested Development. Speech: "Wir sind eine Gruppe, die über Afrikas Kampf, Afrikas Realität spricht." MTV ließ unablässig das Video zu Mr. Wendal laufen, sodass die Single Platz sechs der amerikanischen Hitparade erreichte und mehr als 500 000 Exemplare verkauft wurden. 1993 erhielt Arrested Development Grammys als beste neue Band und als beste Rap-Gruppe. Die Leser von "Village Voice" und "Rolling Stone" wählten sie in Top-Positionen. Die LP 3 Years, 5 Months, 2 Days … kletterte nun auch in den USA auf Platz sieben der Hitparade, nahezu ein Jahr nach der Veröffentlichung.
Die Beliebtheit bei MTV führte zu einer Unplugged-Produktion, der ersten einer HipHop-Band. Zwar enthielt die von dieser Session veröffentlichte LP nur drei kurze neue Songs und sture Wiederholungen, mit Zingalamaduni (1994) brachte sich Arrested Development als eine der musikalisch interessantesten HipHop-Formationen aber wieder ins Gespräch. Sie mischte Jazz- und Rock-Fragmente ironisch, versah die Samples und selbsteingespielten Kürzel mit moralisierend optimistischen Texten, schreckte aber auch vor läppischen Verhaltensmaßregeln wie "Ich versuche, gesund zu essen, um Krebs zu vermeiden" nicht zurück.
Dabei sah Arrested Development sich in der Tradition schwarzer Musik. In einer Vorrede nannte Baba Oje die Vorbilder: Bob Marley, Miriam Makeba, Curtis Mayfield, Isaac Hayes, Tracy Chapman, Stevie Wonder, Gil Scott-Heron. In Konzerten ging die politische Botschaft Speechs unter, dafür brach die vielköpfige Gruppe auf der Bühne stets in wilde, von Choreographin Montsho Eshee angeführte Tänze aus. Trotz der Beachtung, die Zingalamaduni gefunden hatte, konnte Arrested Development den Erfolg der früheren Alben damit nicht wiederholen. Tom Moon vom "Philadelphia Inquirer" analysierte später den Grund: Das Werk sei "überladen mit leeren Phrasen und mehr als nur ein bisschen zu schrill. Von ein paar idyllischen Melodien abgesehen, klingen Stücke wie Ache’n For Acres und In The Sunshine pedantisch und forciert."
Oberhaupt Speech löste 1995 die Gruppe auf und veröffentlichte 1996 noch eine überflüssige Soloplatte mit seinem Namen als Titel, ehe er sich eine längere Auszeit genehmigte. Sechs Jahre später fand sich eine Landkommune aus 19 Arrested Development-Freunden um Speechs Heimstudio bei Atlanta wieder zusammen, die Birgit Fuß im deutschen "Rolling Stone" als geradezu bukolisch beschrieb: "Der Nachbar hielt Truthähne und Ziegen, die Schwiegermutter kochte täglich für alle. Die Musiker saßen unter Apfelbäumen oder angelten, nebenbei entstanden ganz entspannt mehr als ein Dutzend HipHop-Hits, wie sie nur Arrested Development können: mit Soul und Engagement und viel, viel, viel Liebe." Zunächst jedoch gönnte sich Speech mit der CD Spiritual People (2002) einen weiteren "gnadenlosen Solo-Flop" (Stefan Woldach im "Musikexpress") und arbeitete sodann mit Hilfe des Remix-Meisters Paul Oakenfold alten AD-Rohstoff zum Album Extended Revolution (2003) auf, laut Woldach "eher blass".
Umso höher waren die Erwartungen auf mehr als ein Dutzend neue AD-Hits gespannt. Der Berg kreißte und gebar – Among The Trees (2004). Während Blätter wie "Tip" ("… mehr als bloße Nostalgiebefriedigung") und "ME" ("Man besinnt sich wieder auf alte Stärken") die Harmlosigkeit der Gutmenschen von Atlanta noch mit dem Mantel der Nächstenliebe überdeckten, kam "RS"-Redaktionskollege Jürgen Ziemer zur Sache: Er bedauerte, hier werde "zu sehr nach einer sympathieheischenden Erfolgsformel gearbeitet, die zudem inzwischen von der Zeit überholt wurde", und klagte: "Der rührende Maikäfer auf dem Cover wirkt fast wie eine Metapher für das Zuviel an gutem Willen und allzu freundlicher Musik, die dieser Platte letztlich zum Verhängnis wird." Die "New York Times" brachte es in einer Konzertankündigung für die Brooklyn Academy of Music Ende Januar 2006 auf eine andere Formel: "Arrested Development waren mit ihrem moralisierenden New Soul zu früh auf ihrem Höhepunkt, um am gegenwärtigen Aufschwung des Dirty South-Stils zu partizipieren. Aber sie erhalten uns jene Art positiver Botschaften, die Anfang der Neunziger Teile des unkonventionellen Rap prägten."
(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,
Copyright © 1973, 1975, 1990, 1998, 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Historische Diskografie
LPs:
3 Years, 5 Months, 2 Days In The Life Of Arrested Development (1993)
Unplugged (1993)
Zingalamaduni (1994)
Da Feelin’ (2000)
Heroes Of The Harvest (2002)
Among The Trees (2004)
Since The Last Time (2007)


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