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Aphex Twin

Aphex Twin

Biografie

Aphex Twin , bürgerlich Richard D. James, geboren am 18. August 1971 in Truro, Cornwall, England, beherrschte mit barocker Verspieltheit, Virtuosität und Gestaltungslust das Vokabular von Techno, Ambient und Industrial. "Richard D. James zählt zu den Protagonisten der numerischen Ära. Es heißt, er sei größenwahnsinnig, gestört, zynisch, finster, gereizt … Doch hinter der kühlen Fassade entdeckt man einen sanften, besinnlichen Menschen" ("Party News"). "Aphex, so stilprägend er auch sein mag, liegt immer daneben" ("taz"). Schon als Kind manipulierte er das Klavier seiner Eltern, und als Teenager begann er, mit selbstgebauten Klangmaschinen zu experimentieren. Aus dem neugierigen Spiel eines Zehnjährigen mit Kassettenrecordern wurden schließlich Computerbasteleien und Elektronik-Studium. Das Pseudonym Aphex Twin ging auf einen drei Jahre vor seiner Geburt tot zur Welt gekommenen Bruder zurück, der ebenfalls den Namen Richard getragen hatte. Das Schicksal dieses Verwandten, den er niemals kennengelernt hatte, von dem er aber behauptete, er würde über ihn wachen, und in dessen Tod er eine mystische Ursache seines eigenen Glücks sah, veranlasste ihn während seiner ganzen Karriere immer wieder zur musikalischen Auseinandersetzung.

1991 erschien seine erste EP Analogue Bubblebath # 1, die in Zusammenarbeit mit Schizophrenia alias Tom Middleton aufgenommen wurde. Das nur als Weißpressung unter die Radio-DJs gebrachte Werk erhielt durch ständiges Airplay auf KISS FM schnell Kultstatus, sodass "Mac Mozart" ("Party News") nicht viel Zeit verstreichen ließ und noch im selben Jahr die EP Analogue Bubblebath # 2 folgen ließ, "dessen A-Seite mit 160 bpm schneller war als sonst irgendwas zu dieser Zeit" ("Rough Guide"). Stücke von beiden EPs wurden ein Jahr später als Single unter dem Titel Didgeridoo veröffentlicht. Nach einer weniger beachteten EP Xylem Tube erschien 1993 das erste Album des "Erfinders des Psycho-Techno" ("Spex"). Selected Ambient Works 85–92 versammelte Aufnahmen, die bis in Aphex Twins fünfzehntes Lebensjahr zurückreichten und den schon früh einsetzenden künstlerischen Willen des Heranwachsenden dokumentierten. Die Sounds für dieses Album waren "dem schlafenden Philosophen" ("Münchner") angeblich teilweise im Traum erschienen. Unter dem Pseudonym Polygon Window brachte er 1993 das Opus Surfing On Sine Waves heraus, auf dem er wieder stärker in Richtung Industrial tendierte.

Über Nacht war Aphex Twin zum Superstar auf der Elektro-Welle avanciert und erhielt Remix-Aufträge aus der ganzen Welt. Mit der völlig ohne Titelangaben auskommenden Kollektion Selected Ambient Works Volume 2 (1994) spaltete er die Kritik. Endloses Vorüberziehen gleichförmiger Klangwolken ließ einige Schreiber die gewohnte Formulierfreude vermissen, während andere ihm gerade aufgrund der psychedelischen Tiefe ein unerreichtes Meisterwerk bescheinigten. "Keyboards" kürte ihn gar zum Wunderkind. Einhelligen Zuspruchs erfreute sich wiederum I Care Because You Do (1995), auf dem er "detailverliebt die Melange aus krachigen Rhythmusgebilden und subtilen, bisweilen süßlichen Melodien zelebriert" ("New Life"). Im selben Jahr verarbeitete er unter dem Pseudonym AFX auf der EP Hangable Auto Bulb seine Erfahrungen mit Drum ’n’ Bass und machte auf Classics vergriffene Frühwerke zugänglich. Auf The Richard D. James Album (1996) setzte er die Ausformulierung von Drum ’n’ Bass-Gedanken fort und kreierte "rhythmischen Free Jazz oder einfach eine wahllose Verteilung elektronischer Impulse mit Nähe zu perkussiven Klängen" ("Intro"). Die "taz" sah in dem Album den "lebendigen Beweis für die Existenz des Dekonstruktivismus außerhalb philosophischer Zirkel", und "Die Zeit" jubilierte: "Ein exquisites Hörvergnügen, ein Meisterwerk der Auflösung im richtigen Augenblick."

Gleichzeitig gründete "das experimentelle Phänomen schlechthin" ("Sabotage") mit seinem Label Rephlex ein "Medium, das für viele Neueinsteiger die Eintrittspforte zu Szenen und musikalischen Bereichen schafft, die schon länger existieren als ihr Interesse für sie. Vorsicht beim Schließen der Türen" ("Spex"). Er arbeitete daher mit Tom Jenkinson alias Squarepusher, m-sic alias Mike Paranidas sowie Luke Vibert und sogar Philip Glass zusammen. Auf der EP Come To Daddy (1997) nahm der "Stil-Anarchist" ("Keyboards") mit dem Grunge-Outfit, der nicht zuletzt Schlagzeilen machte, als er in einem panzerähnlichen Kettenfahrzeug durch Cornwall fuhr, eine elektronische Abrechnung mit den Klang-Images des Rock der Neunziger vor. Seine 1999 veröffentlichte Single Windowlicker wurde zu einem internationalen Top-Seller und führte weltweit zu euphorischen Reaktionen. "Ich weiß gar nicht, ob ich so komplett anders bin als alle anderen. Was ich hauptsächlich tue, ist, die Regeln, die andere etabliert haben, zu nehmen, mit ihnen zu spielen und sie zu verdrehen. Ich möchte auch nicht außergewöhnlich klingen, denn ich möchte, dass meine Musik einen aktuellen, gegenwärtigen Aspekt hat – einen Bezug zu dem, was gerade passiert. Es macht mir nur mehr Spaß, meine eigenen Regeln aufzustellen und sie mit den bestehenden Regeln zu vermischen", erklärte sich der Elektro-Künstler gegenüber "Visions".

Für den Filmemacher Chris Cunningham, der die Videos zu einigen seiner Tracks gedreht hatte, nahm er 2000 den Soundtrack zu dessen Film "Flex" auf, der auf der Ausstellung "Apocalypse" in der Royal Academy of Arts in London gezeigt wurde. Auf der Doppel-CD Drukqs (2001) begab sich der hyperaktive Electro-Hippie auf seiner endlosen Odyssee durch die Welt der unerhörten Sounds und Beats in noch entlegenere Regionen. Kein Rhythmus, kein Soundfragment wurde länger als für den Bruchteil einer Sekunde durchgehalten. Mit sporadisch eingestreuten, völlig freien Improvisationen auf dem akustischen Piano verschreckte er selbst seine treuesten Fans. 2003 zog er die Handbremse an und rekapitulierte seine Laufbahn mit 26 Mixes For Cash, einer Kopplung seiner prägnantesten Remixe. 2005 startete er eine auf elf Veröffentlichungen konzipierte EP-Reihe namens Analord.

(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,

Historische Diskografie

LPs:
Selected Ambient Works 85–92 (1993)
Selected Ambient Works, Vol. 2 (1994)
I Care Because You Do (1995)
Richard D. James Album (1996)
Come To Daddy (1997 EP)
Drukqs (2001)
Chosen Lords (2006)

Zusammenstellungen (Auswahl):
Classics (1995)
Singles Box (1999)
26 Mixes For Cash (2003)
LPs unter dem Namen AFX:
Analogue Bubblebath # 1 (1991)
Analogue Bubblebath # 2 (1991)
Analogue Bubblebath 3 (1993)
Analogue Bubblebath 4 (1994)
Hangable Auto Bulb (1995 EP)
Hangable Auto Bulb 2 (1995 EP)
Analogue Bubblebath 3.1 (1997)
Weitere Veröffentlichungen unter den Namen Bradley Strider, Caustic Window, Gak, Polygon Window, Power Pill, Q-Chastic

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